Tätowierung als Heilmittel?

Wie Krankheiten und ihre Heilmittel im archäologischen Fundgut nachgewiesen werden, zeigt die aktuelle Sonderausstellung des Museums für Urgeschichte(n) in Zug auf. Beleuchtet wird im Speziellen die Nutzung von Heilpflanzen ab der Jungsteinzeit bis in die Neuzeit. Auch Profis der Gesundheitsbranche können von einem Besuch viel mit nach Hause nehmen.
Jürg Lendenmann


Schröpfköpfe und Schabmadonnen zeugen von den medizinischen Praktiken des 15. bis 18. Jahrhunderts. Funde aus Hausuntersuchungen des Amts für Denkmalpflege und Archäologie im Kanton Zug.
Foto: Museum für Urgeschichte(n) Zug, Res Eichenberger.

«Wir dürfen davon ausgehen, dass die ­Menschen schon in der Jungsteinzeit über eine profunde Kenntnis der Natur verfügten und ihr Wissen über die Heilwirkung von Pflanzen von Generation zu Generation überlieferten und vermehrten», erfahren die Besucher der Sonderausstellung «7000 Jahre Heilkunst» des Museums für Urgeschichte(n) Zug (bis 17. Mai 2020, www.urgeschichte-zug.ch). 

Der Medizinschrank der Pfahlbauer

«Der Nachweis von Samen in den Pfahlbausiedlungen belegt, dass gezielt Pflanzen mit Heilwirkung gesammelt oder vereinzelt auch auf dem Acker angepflanzt wurden. Wie heute vielerorts noch üblich, erhoffte man mit rituellen Handlungen, etwa dem Anrufen von höheren Mächten, den Genesungsprozess zu unterstützen.»

Moos wurde von den Pfahlbauern nicht nur als Dichtungsmaterial beim Hausbau verwendet; aus ihm wurden auch wärmen­de Einlegesohlen gefertigt. Zudem diente Moos als Sanitäts- oder Hygieneartikel.

Steinobst und Nüsse als Heilmittel

Allerdings sei in Mitteleuropa erst ab römischer Zeit das Medizinalwesen sowohl ar­chäo­logisch wie auch mit Schrift- und Bildquellen gut fassbar. In seiner Arzneimittelkunde «De materia medica» beschrieb der griechische Arzt Pedanios ­Dioskurides im 1. Jh. n. Chr. über 1000 pflanzliche, tierische und mineralische Stoffe mit heilender ­Wirkung. Er erwähnt auch Pfirsiche und Kirschen, deren Steine bei Ausgrabungen gefun­den wurden, sodann Haselnüsse und Walnüsse (siehe Bild). Zu Letzteren schreibt der römische Gelehrte Plinius der Ältere (23–79 n. Chr.): «Je mehr Walnüsse jemand verzehrt, desto leichter treibt er Bandwürmer ab.»

Auch der Glaube kann heilen

Das Setzen von Schröpfköpfen (siehe Bild) gehörte zum therapeutischen Repertoire der Bader, die im Mittelalter die breite medizinische Versorgung sicherstellten. 

In der Neuzeit halfen bei Krankheiten Rituale der katholischen Kirche, den Einfluss von negativen Kräften zu brechen: «Seit dem 17. Jahrhundert werden in Einsiedeln Schabmadonnen – Figürchen des Gnadenbildes – hergestellt. Sie bestehen aus Ton, dem aufgewischter Staub aus der Einsiedler Gnadenkapelle (Reliquienstaub) beigemischt wurde. Die Figürchen wurden bei Bedarf an kranke Pilger abgegeben. Vom abgeschabten Tonpulver, das übers ­Essen gestreut wurde, versprach man sich heiltätige Wirkung für Mensch und Tier. •

Interview mit Dorothea Hintermann, Ausstellungskuratorin am Museum für Urgeschichte(n) in Zug

In welcher Form werden Heilpflanzen in Ausgrabungsstätten gefunden und welche Umweltbedingungen sind für die Konservierung besonders günstig?

Dorothea Hintermann: Pflanzenreste findet man in Grabungen als Pollen oder konservierte Pflanzenteile. Günstige Umweltbedingungen für die Konservierung von Pflanzenteilen sind: sehr trocken (z. B. Wüste) oder immer feucht (z. B. in Schweizer Seeufersiedlungen, Stichwort Pfahlbauten); ausserdem Verkohlen (z. B. Hausbrand, Feuerstellen, Kremation) und Gefrieren (z. B. die Gletscherleiche «Ötzi»).

Das Bestimmen und Zuordnen der Funde geschieht durch den Ver­gleich mit bekannten Pflanzenteilen und Pollen; die Wissenschaften heisst Archäobotanik beziehungsweise Palynologie. In der Ausstellung kann man übrigens selbst Pollen unter dem Binokular bestimmen.

Gibt es Fundstellen, bei denen Heilpflanzen angebaut wurden?

In der Jungsteinzeit und Bronzezeit wurde in Mitteleuropa regelmässig Schlafmohn angebaut. In der Ausstellung zu sehen sind Beispiele aus Hitzkirch-Seematte LU, Jungsteinzeit, 4. Jh. v. Chr., und Zug-Sumpf ZG, Spätbronzezeit, 1050–870 v. Chr. Seine Samen dienten als Nahrungsmittel und wurden zu Öl gepresst. Aus dem Saft der unreifen Samenkapseln lässt sich Opium gewinnen. Die älteste schriftliche Überlieferung zur medizinischen Nutzung von Schlafmohn im Vorderen Orient stammt aus der Zeit um 4000 v. Chr. Er dürfte auch bei uns eine grosse Rolle als schmerzstillendes Mittel in der Heilkunde gespielt haben.

Andere Pflanzen mit Heilwirkung wurden vermutlich nicht angebaut, sondern gesammelt. In ganz seltenen Fällen lässt sich das archäologisch nachweisen. So gibt es eine Fundstelle mit Feuchtboden­erhaltung in Dänemark (Ronæs Skov auf ­Fünen, 5. Jh. v. Chr.), wo Misteln in einem ­Gefäss aufbewahrt wurden.

Wer heilte früher und mit welchen Mitteln und Methoden? 

Dazu kann man erst dann etwas sagen, wenn schriftliche Quellen vorhanden sind. Antike Autoren des 3. Jh. v. Chr. bis 1. Jh. n. Chr. berichten zwar über keltische Druiden, charakterisieren sie aber eher als Priester und Gelehrte denn explizit als Personen, die heilen. In Griechenland und später in Rom gab es Ärzte.

Über manche Methoden schütteln wir heute die Köpfe, andere Anwendungen haben durchaus noch Bestand oder hatten es zumindest bis in die Neuzeit. Beispiel aus der Ausstellung: In der jungsteinzeitlichen Seeufersiedlung Arbon (TG) fand sich Kot mit Eiern von Bandwürmern und darin gleichzeitig der Sporen des Wurmfarns als Beleg, dass der Mensch diesen einnahm. Hier drängt sich ein Einsatz als Medikament auf.

Seit wann sind Operationen, z. B. Trepanationen, dokumentiert?

Schädeloperationen sind weltweit bereits in früher Zeit nachweisbar und aus Europa, Afrika, Asien, Amerika, Australien und dem südpazifischen Raum (Marquesas-Inseln) bekannt. Die ältesten Fälle sind 12 000 Jahre alt und stammen aus Nordafrika (Marokko) und aus der Ukraine.

In Europa treten seit der jüngeren Steinzeit (Neolithikum) Trepanationen häufiger auf, wiederum in der Ukraine, in Palästina und in Portugal. Ganz in der Nähe von Basel wurde 1996 in Ensisheim ­(Elsass) eine Bestattung mit einer Doppeltrepanation ausgegraben. Es handelt sich um die älteste mitteleuropäische Schädeloperation, die vor 7100 Jahren durchgeführt wurde. Der Patient hatte den zweifachen Eingriff längere Zeit, wenn nicht Jahre überlebt.

Wann und von wo kamen neue Entwicklungen in der Heilkunst in den Raum der heutigen Schweiz?

In römischer Zeit mit der antiken Medizin, die später in den Klöstern überdauerte. Für die prähistorische Zeit tappen wir im Dunkeln.

Archäologische Forschungen sind sehr zeit- und kostenintensiv. Wer finanziert diese und können auch Freiwillige bei Grabungen mithelfen?

In der Schweiz ist die Rettung und Bewahrung archäologischer Fundstellen und Funde Aufgabe der Kantone. Ausgegraben wird nur dann, wenn eine Fundstelle durch ein Bauvorhaben gefährdet ist. Forschung wird nur zum Teil durch die Kantone finanziert, da deren Mittel eher beschränkt sind. Doch sie erfolgt auch an Universitäten oder über Sonderfinanzierungen wie von Swisslos-Fonds und dem Schweizerischen Nationalfonds.

Es gibt einzelne Fachstellen, die mit Laien arbeiten – z. B. die von Augusta Raurica und der Kantonsarchäologie des Kantons Aargau.

Wer besucht das Museum für Urgeschichte und welche Themen finden besonders Anklang?

Unser Museum hat rund 11 000 Besucherinnen und Besucher pro Jahr. Knapp die Hälfte des Publikums besteht aus Schulklassen. Sie besuchen vor allem unsere permanente Ausstellung zur Zuger Urgeschichte; ihre Schwerpunkte sind die Steinzeit, manchmal die Bronzezeit und die römische Epoche. Unser Einzugsgebiet reicht weit über den Kanton Zug hinaus, da unsere interaktive Art der Vermittlung – die Werkstatt – sehr beliebt ist.

Daneben besuchen uns vor allem Familien mit Kindern. Sie nutzen ebenfalls gerne unser Vermittlungsangebote wie Sonntags­anlässe, aber auch permanente Angebote wie Kindergalerie oder Atelier. ­Darüber hinaus möchten wir aber auch für ein erwachsenes, wissenschaftlich interessiertes Publikum attraktiv bleiben. Dies zum ­Beispiel mit Vorführungen, Vorträgen und Sonderausstellungen.

Die Ur- und Frühgeschichte bietet sehr viele Anknüpfungspunkte für attraktive Ausstellungsthemen. Kinder und Familien begeistern sich sehr für Mammuts und die römische Epoche – Stichworte: Legionäre und Gladiatoren. Unsere Sonderausstellung «Mammuts» im Winter/Frühling 2019 war der absolute Renner. Beliebt bei Erwachsenen sind ausserdem die Kelten (Eisenzeit) und das Frühmittelalter. Auch «Gesundheit!» ist ein Thema, das viele Menschen anspricht, wie wir an den Reaktionen auf die Vorankündigung gemerkt hatten.

Wann wurde mit Planen zur Ausstellung «7000 Jahre Heilkunst» begonnen? Gab es unvorhergesehene Glücksfälle?

Auf der Suche nach einer kleinen, aber feinen Sonderausstellung für den Winter 19/20 bin ich vor einem guten Jahr auf Schloss Heidegg zufällig auf die Sonderausstellung «Gesundheit!» gestossen, die von der Kantonsarchäologie Luzern konzipiert wurde. Es stellte sich als Glücksfall heraus, dass wir diese Ausstellung übernehmen konnten. Wir haben sie für die Präsentation in Zug um passende Funde vor allem aus dem Kanton Zug ergänzt. Einige Zuger Funde ergänzen die Ausstellung toll: so ein jungsteinzeitlicher «Kaugummi» aus Birkenteer mit Zahnabdrücken, die Befunde zu Darmparasiten aus der jungsteinzeitlichen Siedlung Zug-Riedmatt oder römische Kirschen- und Pfirsichsteine aus Cham-Hagendorn.