Spitäler auf Schrumpfkurs

«Ambulant  vor stationär» hat teilweise dramatische Folgen. Betroffen sind in erster Linie Spitäler, und das wegen drei Notwendigkeiten: Sie müssen ihr Angebot einschränken, oft sinnvollerweise fusionieren und ihre Strukturen anpassen.
Eine persönliche Herausforderung für alle in Spitälern Tätigen. Denn das Spitalbett der Zukunft wird zu Hause stehen.

Hans Wirz


„Hospital at home“ ist in den USA bereits gut etabliert und in Studien konnten keine negativen Nebewirkungen festgestellt werden.

Im Grundsatz geht es mit «Hospital at home» (HAH) darum, Patientinnen und Patienten zu motivieren, den Gesundungsprozess vom Spital ins eigene Bett zu verlagern. Als konsequente Fortsetzung von ambulanten medizinischen Eingriffen. Was – kurz und bündig – den Einsatz von mehr Elektronik und die tägliche Verschiebung von Spitalpersonal in die individuellen Haushalte erfordert. Man könnte auch ­sagen, dass das Spital zu den Patienten reist, statt dass Patienten in die Spitäler gehen. Das Prozedere tönt kompliziert und aufwendig, ist es aber nicht wirklich. Hinter HAH stehen die Aussicht auf niedrigere Kosten, schnellere Heilung, weniger Ansteckung, rasche Behandlung und – last but not least – der Wunsch kranker Menschen, sich in der gewohnten Umgebung und schneller zu erholen. Die Behandlungs­zeiten werden mit «Hospital at home» erwiesenermassen kürzer; teilweis um gegen 50 Prozent. 

Das ist Hospital at home

Die «Washington Post» beschrieb den Fall: Phyllis Petruzelly hatte um die Weihnachtstage erhebliche Atemprobleme; im Spital schlug man ihr vor, auf ein Spitalbett zu verzichten und sich stattdessen zu Hause behandeln zu lassen. Erst war sie skeptisch, später willigte sie ein. Und als sie nach Hause kam, warteten bereits ein Arzt und eine Krankenschwester auf sie. Kurz danach lieferte ein elektronisches Pflaster die ersten Daten ins Spital. Man erklärte ihr, dass ab sofort täglich bei ihr zu Hause zwei Mal ein Spitalteam aufkreuzen würde. Plus zusätzliche Besuche, wenn der ständig fliessende Strom von medizinischen Daten (vom Schlafzimmer ins Spital) dies erforderlich machen würde. Ausserdem könne sie sich jederzeit via Video-Gespräch melden und mit Arzt und Krankenschwester reden. 

Zu Hause bewegen sich die Patientinnen und Patienten mehr, was für die Heilung nicht unwesentlich ist; dafür sinken die Kosten «bedeutend». Nach drei Tagen wurde Phyllis Petruzelly «abgekoppelt» – gesund und ohne Spitalinfektion und hektische Spitalatmosphäre. Sie hatte sich ­sicher und betreut gefühlt und würde es «jederzeit wieder tun», wie sie sagte.

HAH ist in den US bereits gut etabliert und in Studien konnten keine negativen Nebenwirkungen festgestellt werden. Was auch bei uns einen starken Motivationsdruck auslösen könnte – die Versicherer und Prämienzahler lassen grüssen.

Druck von mehreren Seiten

Dass sich HAH in der Schweiz rasch durchsetzen wird, ist nicht wahrscheinlich. Ganz im Gegenteil: Die Kantone als Eigner und Betreiber von Spitälern werden sich gegen den angestrebten teilweisen Verzicht auf Hospitalisierung sperren. Nebst finanziellen Gründen auch, weil entsprechendes persönliches Umdenken vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Spitälern nicht leichtfallen wird – man behält wie überall lieber, was sich doch «bewährt» hat. Umso mehr, als die konsequente Umsetzung von stationär auf ambulant (und das ist HAH) zusätzliche Investitionen bedingt, die unbeliebte Digitalisierung erzwingt und leere Spitalbetten schafft. 

Auch die Patientinnen und Patienten werden im ersten Moment nicht begeistert sein: wenn schon bettreif, dann bitte im «Hotel Spital». Auch, weil man nebst der Kulinarik die ständige Verfügbarkeit des Per­sonals als Sicherheitsgarantie sehr schätzt.

Druck in die andere Richtung kommt allerdings ebenfalls aus Richtung Patientenschaft; der Megatrend läuft eindeutig in Richtung Vermeidung von den Sachzwängen in Institutionen wie etwa Pflege- oder Altersheimen. Auch ältere Menschen (und jüngere sowieso) wollen ein Maximum an Freiheit und Selbstbestimmung. Man schätzt die Fachpersonen, wird aber nicht gerne als unzurechnungsfähiger Mensch behandelt.

Grundsätzliches

Weil infolge knapper Ressourcen im Gesundheitsbereich ein echter Strukturwandel ansteht, sind neue Fertigkeiten und Einstellungen gefragt. Etwa Offenheit und Bereitschaft, andere Abläufe zu entwickeln und umzusetzen, Effizienz und Qualität in ein neues Gleichgewicht zu bringen, sich fachlich und in Sachen Kommunikation zu entwickeln, Veränderungen willkommen zu heissen und zu diskutieren, statt einfach abzulehnen. Es geht also darum, aus dem Schrumpfprozess der Spitallandschaft das Bestmögliche zu machen. Beziehungsweise, Veränderungen als Chance zu verstehen, das Gesundheitswesen für die ­Bevölkerung attraktiver zu machen. Man kann davon ausgehen, dass neue Dienstleistungen, Nützlichkeit, Fachwissen, Zugang und Sicherheit eine immer grössere Rolle spielen werden – was eben auch ­Spitäler dazu motivieren könnte, mit entsprechenden Angeboten positiv zu wirken. Dabei wird die Bereitschaft zur berufsüberschreitenden Zusammenarbeit entscheidend werden.

Viele können profitieren

Weil sowohl die Vernetzung als auch die Stärkung der eigenen Position mittelfristig wichtiger werden, hier einige Anregungen zum Thema «Hospital at home» – wer kann wie profitieren vom Trend?

Fachhandel: Je mehr sich «Heilung und Erholung» zu Hause abspielen, desto wichtiger wird die Rolle der Apotheken als Grundversorger, der Drogerien im Bereich komplementäre Arzneimittel und der Therapeutenberufe.

Spitex kann sich als «Kostenvermeider» positionieren, muss teurer werden wegen umfassenderen Dienstleistungs­ange­boten und «mehr Zeit für Gespräche». Wieso stehen im Betreuungsbereich die Kosten so weit vor dem Nutzen? Was läuft da falsch? Unsere Ansicht: Weil es zu wenig ganzheitliche Betrachtung gibt. Die zentrale Frage ist nicht, wie teuer ­Spitex ist, sondern was damit andernorts eingespart werden kann.

Hausärzte sind im neuen Umfeld als mobile Akteure hochwillkommen.

Pflege und Betreuung: Für diplomierte Pflegepersonen – angestellt oder freischaffend – eröffnen sich mit dem Strukturwandel ganz neue Möglichkeiten. Auch geschäftlicher Art.

Spitäler können ebenfalls profitieren. ­Indem sie (beispielsweise zusammen mit Spitex und Apotheken) in Sachen Koordination und Fachwissen eine Führungsrolle übernehmen – natürlich unter Einbezug der Rehabilitation.

Fazit

Das Konzept «Hospital at home» dient ­Patienten, die in der Regel (bis heute) ­hospitalisiert werden, aber lieber zu Hause behandelt werden möchten. Weil HAH ­bisher in der Schweiz praktisch nicht betrieben wird, steht die Bewegung noch ganz am Anfang. Fachlich sind die Risiken von HAH klein, die Nutzen für die Patientinnen/Patienten und ihren Familien aber gross. Die Resultate sind aus medizinischer Sicht bei HAH gleichwertig gegenüber der Hospitalisation; das zeigen Studien. Interdisziplinäre Teams erbringen bessere ­Resultate. Grundsätzlich funktioniert das System auch in medizinisch schwierigen Fällen genauso gut wie bei stationärer ­Behandlung im Spital; Sicherheit ist und bleibt erste Priorität. HAH verdient es, auch von der Politik entschieden gefördert zu werden. •