«Lasst uns das System verbessern!»

Strukturwandel 2: Ärzte
Über Jahrzehnte hinweg waren die Kosten des Gesundheitswesens nicht wirklich ein Thema. Jetzt aber löst es bei den Fachleuten viel Unbehagen aus, dass Kostensenken und Einkommenssteige­rung tendenziell wichtiger geworden sind als Qualitätsdenken. Daran ist die Ärzteschaft selbst nicht ganz unschuldig.
Hans Wirz


„Viele Ärztinnen und Ärzte leiden am System.“
Annina Hess-Cabalzar, Präsidentin der Akademie Menschenmedizin

«Es liegt ein schwerwiegender Systemfehler vor – falsche Anreize lassen Bereicherung bis Betrug zu», so Frau Annina Hess-Cabalzar, Präsidentin der «Akademie Menschen­medizin». Die amm ist ein Verein, dessen Ziel es ist, das schweizerische Gesundheitswesen wieder menschengerecht zu machen. Also die Medizin auf die Einheit des ­Menschen als Einheit von Körper, Seele und Geist auszurichten. Was bedeutet, eine zunehmend auf Kommerz ausgerichtete Denk­weise auf individuelle Heilung zurückzuholen. «Zwar sind wir durch die Ereignisse um Corona aus dem Paradies geworfen worden, aber die Basis für die systembedingten falschen Anreize im Gesundheitswesen wurde lange zuvor gelegt. Deshalb stehen jetzt grössere Veränderungen an. Damit unterscheidet sich die Ärzteschaft nicht gross von anderen Berufsgruppen: Die Pandemie wird grundsätzliche Veränderungen beschleunigen, die schon längst fällig sind.» Jetzt müsse gehandelt werden. 

Aufarbeitung

Es sei eine verbreitete Verhaltensweise des Menschen, unangenehme Situationen möglichst zügig einzugrenzen, zu verdrängen und schnell zum Business as usual zurückkehren zu wollen. «Das sollte jetzt nicht passieren. Heute müssen wir grundsätz­liche Fragen stellen und das Übel an den Wurzeln packen. Ein wichtiger Auslöser der schwierigen Situation ist die enorm geförderte Kommerzialisierung des Gesundheitswesens, die das Medizinische und das Menschliche immer mehr in den Hintergrund drängt. Stichwort DRG», so Hess-Cabalzar. «Folgen des falschen Systems sind einerseits die Überversorgung – unnötige Untersuchungen und Eingriffe –, andererseits die Unterversorgung bezüglich nicht lukrativen Aspekten; gemeint ist damit ­beispielsweise die Zeitrationierung für ­Gespräche mit den Patienten.» Es gehe heute um den verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen, statt um die schamlose Maximierung individueller Bezüge. Die Gesprächspartnerin prangert nicht nur die dominierende Kommerzialisierung an, sondern vermisst gleichzeitig das gesunde ökonomische Denken und Handeln: mit passenden Mitteln die bestmögliche ­Qua­lität der Versorgung zu erreichen. Die Akademie Menschenmedizin kennt die zwei wohl wirksamsten Hebel zur Abkehr von der unseligen Kommerzialisierung des ­Gesundheitswesens: Fixlöhne für alle im Gesundheitswesen Tätigen statt umsatztreibende Bonussysteme zulasten der Versicherten und Verabschiedung von der unsinnigen Zeiterfasserei zulasten der Betreuung der Patienten.

Weg von Irrlauf …

«Man sagt, nur mit allerhöchsten Vergütungen seien die guten Leute zu finden», so Hess-Cabalzar. «Das Gegenteil ist wahr: Die wirklich Guten sind heutzutage am Gehen – viele leiden am unsinnigen System.» Mit Fixlöhnen und echter Betreuung der ­Patienten habe man anders motivierte Fachleute, bei denen Klinik und Lehre im Vordergrund des Engagements stehen. Die wirklich Guten seien – anders ausgedrückt – Fachpersonen, die den hippokratischen Eid noch ernst nehmen und sich beispielsweise nicht zu Leistungsmengen verpflichten lassen. «Zugegeben, das erfordert ­bewusstmachende Auseinandersetzung, Abkehr vom Mengendenken, Übernahme der Verantwortung aller für die Gesundheitsversorgung als Ganzes.» Und bedürfe einer wirklich unabhängigen Ombudsstelle für medizinisches und strukturelles Fehlverhalten. «Die amm kann in Zusammenarbeit mit den Patientenstellen diese Aufgabe übernehmen.» Nötig wäre auch ein Verzicht auf Personalabbau, denn was die Bevölkerung in erster Linie wolle, seien kompetente und freundliche Menschen in genügender Zahl. 

… und ein Appell

«Die Politik alleine wird nichts ändern. ­Jeder Einzelne muss sich für eine Neuaufgleisung des Gesundheitswesens engagieren. Entweder mit direkten Aktionen oder durch Unterstützung entsprechender Kräfte. Wenn ich mich nicht persönlich für Veränderungen eingebe, ändert sich nichts», sagt dazu Hess-Cabalzar. «Lasst uns das System verbessern!» Sie weiss, ­wovon sie spricht; in der Akademie ­Menschenmedizin amm sind nur Menschen engagiert, die an ethisches und ökonomisch angemessenes Verhalten glauben. Sie tun das ohne Honorar, aber mit viel Herzblut und Menschenverstand. Beispielsweise mit dem «amm Café Med».
Wir ­bleiben dran.

Für mehr Wissen, Information und
die Möglichkeiten des Mitmachens:
www.menschenmedizin.com