Knorpelschutz bei Arthrose

Gesteigerte Lebenserwartung, erbliche Veranlagung, Übergewicht und Verletzungen fordern ihren Tribut: Gelenkknorpel werden abgenutzt, bis Knochen auf Knochen reiben. Gibt es ein Mittel dagegen? Welche Substanzen können diesen zerstörerischen Prozess bremsen oder sogar aufhalten? Ein namhafter Rheumatologe gibt Auskunft über die aktuelle Studienlage und über sinnvolle Therapien.
Markus Meier


Im Interview: Prof. Hans Jörg Häuselmann
Rheumatologe, Zentrum für Rheuma- und Knochenerkrankungen, Zürich

Wie können Herr und Frau Schweizer am besten ihren Gelenken Sorge tragen?

Prof. Hans Jörg Häuselmann: Die Hauptursachen für Arthrose sind Fehl-, Über- und mangelnde Belastung der Gelenke, Unfälle, Vererbung, chronische Entzündungen und gelenkschädigende Medikamente wie zu häufige und falsch ­indizierte Cortison-Injektionen oder regelmässige Einnahme von schmerz- und entzündungshemmenden Medikamenten vor Belastungen. Diese unter­drücken die Schmerzen als Warnsignal und überlasten das bereits geschädigte Gelenk. Herr und Frau Schweizer können bei allen diesen Punkten präventiv etwas beitragen.

Es gibt einige Produkte, die den Knorpel schützen sollen. Wie unterscheiden sie sich?

Es werden zwar sehr viele Medikamente und Nahrungsmittelergänzungen angepriesen, die knorpelschützend sein sollen. De facto existieren aber nur sehr wenige Substanzen, die in ernst zu nehmenden, klinischen Studien untersucht und als ­effektiv wirksam beurteilt wurden. Dies sind an vorderster Stelle oral einzunehmende Wirkstoffe wie Chondroitinsulfat, Glucosaminsulfat in bestimmten Dosierungen sowie ins Gelenk applizierte ­Hyaluronsäure und Eigenblutbestandteile. Dazu kommen auch Methylsulfonyl­methan und Phytotherapeutika wie Galaktolipide aus Hagebuttenextrakt oder der Teufelskrallenextrakt infrage, aber nur in Bezug auf Schmerzhemmung, nicht bezüglich Verzögerung des Knorpelabbaus. Eher wichtiger und wissenschaftlich wiederholt belegt sind die nichtmedikamentösen Massnahmen wie Gelenkschutz, regelmässiges und angepasstes Muskeltraining, ­Verzicht auf gelenkschädigende Substanzen, ein optimales Körpergewicht sowie recht­zeitiges, professionelles Abklären und Behandeln von Gelenkentzündungen. Diese können wegen Gicht,  infolge der «falschen Gicht» Pyrophosphatarthritis und bei Autoimmunerkrankungen auftreten.

Sie haben vor vielen Jahren am Universitätsspital Zürich in einer Studie aufgezeigt, dass Chondroitinsulfat verhindern kann, dass Kniearthrose fortschreitet. Gibt es ähnlich gute Studien?

Eine firmenunabhängige Studie der aus­tralischen Gesundheitsbehörde mit einer ­Mischung aus Chondroitinsulfat und Glucosaminsulfat konnte vor wenigen Jahren eine leicht bis mässig effektive Reduktion der Schmerzen und eine Verlangsamung des Knorpelabbaus im Kniegelenk zeigen. Zudem gibt es unzählige Studien mit verschiedenen Hyaluronsäuren, die in diversen Gelenken eine ebenfalls leichte bis mässig effektive Linderung der Schmerzen über eine gewisse Zeitdauer zeigten. In den letzten Jahren wurden vermehrt Studien mit Injektionen von Eigenblutbestandteilen publiziert. Sie zeigten eine leichte bis mässig effektive Schmerzhemmung in grossen Gelenken.

Welche Dosis müsste man einnehmen, um eine optimale Wirkung zu erreichen?

Gemäss der wissenschaftlich am gründlichsten durchgeführten Studie wäre eine Kombination von ca. 1500 mg Glucosamin­sulfat und 1200 mg Chondroitinsulfat für das Kniegelenk am besten. Es liegen aber auch überzeugende Ergebnisse für 800 mg Chondroitinsulfat für Knie- und Fingergelenke vor. Bei Methylsulfonyl­methan wurden sehr verschiedene Dosen in mehrheitlich von Firmen durchgeführten Studien getestet, sodass es für mich hierzu keine eindeutigen Ergebnisse zu den effektivsten Dosen gibt. 

Warum existiert kein Medikament, das diese zwei Wirkstoffe in der optimalen Dosierung kombiniert? 

Meines Wissens ist kein solches Produkt in Vorbereitung. Die Herstellung von 1500 mg Glucosaminsulfat und 1200 mg Chondroitinsulfat in einer akzeptablen Tabletten- oder Kapselgrösse ist eine technische Herausforderung. Die Einnahme von mehreren Tabletten pro Tag ist für die meisten Patienten keine realistische Option bei einer nur leicht bis mässigen Effektivität dieser Präparate.

Wie behelfen sich Ihre Patienten?

Ich versuche, meinen Patienten die Studienlage darzulegen, unterstreiche die Wichtigkeit der nichtmedikamentösen Massnahmen und unterbreite dann je nach Patiententyp das geeignete Medikament. Hier muss man Kompromisse eingehen. Häufig nimmt der Patient initial die korrekte Kombination mit 1200 mg, also 1,5 Tabletten Chondroitinsulfat pro Tag und zwei Gläser oder zwei Kapseln des Glucosaminsulfat-Konzentrats pro Tag. Dies während der ersten vier bis acht Wochen. Stellt sich eine positive Wirkung ein, «schrauben» die Patienten in der Regel an der Dosis und ­reduzieren sie, bis die regelmässige Einnahme tolerabel ist und die Wirkung anhält. Hyaluronsäure-Spritzen haben vor allem bei beginnenden Arthrosen die überzeugendste Wirkung. Ich appliziere sie meist bei Bedarf und nicht serienweise, da wir in den letzten 25 Jahren Praxiser­fahrung bemerkt haben, dass es für den Patienten bei gleicher Wirkung günstiger ist, nur dann zu spritzen, wenn die Symptome wieder auftreten. Dies ist wissenschaftlich vertretbar, da die Hyaluronsäure-Präparate im Gegensatz zu Chondroitinsulfat und Glucosaminsulfat nie in überzeugender Weise zeigen konnten, dass sie den Knorpelabbau verzögern. Sie beeinflussten nur die Schmerzlinderung.

Und die Kosten?

Die Krankenkassen übernehmen die Kosten für Chondroitinsulfat regelmässig. Die Kosten aller anderen Produkte werden nur von den Zusatzversicherungen wahlweise übernommen.

Wenn eine Arthrose von Zeit zu Zeit stark schmerzt, besteht häufig eine Entzündung. Wie bekämpft man diese aktivierte Arthrose?

Ist eine Arthrose aktiviert, d. h. stark entzündet, dann besteht eine Gelenkinnenhautentzündung mit Produktion von Entzündungsflüssigkeit. Diese führt einerseits zu Schmerzen und enthält andererseits viele potenziell gelenkschädigende Substanzen. Nur in diesen Fällen wirkt das ins Gelenk applizierte Depot-Cortison während drei bis vier Wochen effektiv gegen die Schmerzen. Wahrscheinlich kann es den entzündungsbedingten Knorpelabbau bremsen oder stoppen, indem das Cortison die Produktion dieser Entzündungsmediatoren reduziert. In allen anderen Fällen von Arthrosen führen die Cortison-Infiltra­tionen zu keiner signifikanten Schmerz­linderung. Und: Aufgrund ihrer negativen Wirkung auf den Knorpelaufbau zeigen sie potenziell schädliche Nebenwirkungen.