«Ich bin nicht nur ein Gatekeeper!»

Vom Lungenarzt zum Hausarzt   Dr. med. Otto Brändli hat eine sehr aussergewöhnliche Karriere hinter sich und engagiert sich nach dem 65. Lebensjahr immer noch an verschiedensten Fronten. Was treibt ihn an, sich weiterzubilden? Wie schützt er sich als Risikoperson vor Covid-19? HealthPoint ist diesen und weiteren Fragen nachgegangen.
Markus Meier


Dr. med. Otto Brändli am Black Lion Spital in Addis Abeba, wo er seit sieben Jahren hilft, Lungenärzte für Äthiopien mit seiner Swiss Lung Foundation auszubilden.

Als Lungenspezialist viele Jahre Präsident der Lungenliga Zürich und nun Hausarzt nach der Pensionierung. Warum diese neue alte Lust an der ganzheitlichen Medizin?


Im Interview:
Dr. med. Otto Brändli, Pneumologe FMH,
ehemaliger Chefarzt der Zürcher Höhenklinik Wald

Dr. med. Otto Brändli: Die Medizin ist und bleibt mein grosses Hobby! Jetzt als Hausarzt habe ich wieder eine sehr sinnvolle Tätigkeit. Ich nehme dabei niemandem einen Arbeitsplatz weg, gerade jetzt, wo in der Schweiz 50 % der Grundversorger zu ­weniger als 80 % arbeiten, 34 % über 60 Jahre alt und 36 % Ausländer sind. Als Grossvater und ­Wanderkamerad werde ich ja immer wieder mit Gesundheitsfragen konfrontiert und sollte informiert bleiben, um Antwort geben zu ­können. Und dies nicht nur in meinem Spezialgebiet, sondern auf der ganzen Breite des ­faszinierenden Arzt­berufs.

Was motiviert Sie jeden Tag, sich in
der Hausarztpraxis mit banaleren Dingen herumzuschlagen als Lungenspiegelungen?

Für einen Grundversorger ist nichts banal! Hinter jedem Symptom und bei jedem Befund stecken so viele differenzialdiagnostische ­Mö­glich­keiten: Gerade jetzt kann ein Kratzen im Hals ein Covid-19-Symptom sein, aber auch völlig harmlos. Als Hausarzt muss man ­dauernd sehr wachsam sein und nicht nur nach eingeübten Algorithmen und mit apparativen Untersuchungen routinemässig vor­gehen. Für mich ist heute der Beruf des Hausarztes und damit als engen Begleiter seiner Patienten nicht nur derjenige eines Gate­keepers. Er ist sogar spannender als der des Spezialarztes!

Machen Sie Corona-Abstriche? Gemäss BAG wären Sie ja Risikoperson.

Ja, natürlich! In einer Permanence wie in der Apodoc in Zürich-West muss dieser Test ­während der gesamten Öffnungszeit und von allen Ärzten angeboten werden. Bei Befolgung des Schutzkonzepts mit geschulten Mitar­beitenden und einer günstigen Raumordnung mit Fensterlüftung ist das ­Risiko einer Aerosol-Übertragung vertretbar – auch wenn meine Frau sich deswegen Sorgen macht. In meiner Patientenverfügung habe ich festgelegt, dass ich im Falle einer Covid-19-Pneumonie nicht künstlich beatmet werden möchte. Wir Alten sollten uns nicht weiter völlig isolieren und kleine Risiken wieder eingehen, während die Jungen fast normal weiterleben und arbeiten können sollten!

«Mit 80 werde ich in der Praxis auf­hören, weil das Netzwerk von mir gut bekannten Spezialärzten leider immer dünner wird.»

Wie bilden Sie sich momentan weiter?

Jedes Jahr beginnt meine persönliche Weiterbildung auf allen Fachgebieten am Ärztefortbildungskurs von Lunge Zürich im Kongresszentrum Davos. Unverzichtbar für die Pneumologen in der Region Zürich sind die gemeinsamen Fallbesprechungen jeden Donnerstag im USZ und auch die übrigen Weiterbildungen dort. Dann lese ich ­regelmässig die ­Nature Briefings via ­briefing@nature.com und die Mitteilung der American Thoracic Society via ­MorningMinute@ats.bulletinhealthcare.com. Natürlich lese ich auch das The New England Journal of Medicine. Aber am meisten profitiere ich von meinen eigenen Patienten und dem Studium ihrer Probleme.

Welchen Lernprozess und Erkenntniszuwachs haben Sie als Lungenfacharzt bezüglich SARS-CoV2 machen können? 

Sehr hilfreich waren mir die sehr sym­pathischen Webinare zu Covid-19 von Prof. Philip Tarr vom Kantonsspital ­Bruderholz zu Beginn der Pandemie. Selbst habe ich keine an Covid Erkrankten betreut. Aber die Pneumologen in Addis Abeba, wo ich seit sieben Jahren mit meiner Schweizerischen Lungenstiftung Lungenärzte für Äthiopien ausbilden helfe, und meine Partner an der ­Columbia Universität in New York haben mich bei regelmässigen Zoom-­Meetings an ihren Covid-Erfahrungen teilnehmen lassen.

Bis in welches Alter möchten Sie weiterarbeiten? 

Gegenwärtig arbeite ich zu weniger als zehn Prozent als Grundversorger und ­berate ­daneben oft Verwandte und ­Bekannte. Dies vor allem vor Eingriffen und bei ­Hospitalisationen, wo ich oft zwischen den verschiedenen Organ­spezialisten koordinieren muss.

Mit 80 werde ich in der Praxis auf­hören, weil das Netzwerk von mir gut bekannten Spezialärzten leider immer dünner wird. Ich wünsche mir, dass ­weiterhin viele Schweizerinnen und Schweizer den spannenden Arztberuf ergreifen und viele davon in der Grundversorgung tätig sein werden. Dort ­bleiben die beruf­liche Befriedigung und Gestaltungsmög­lichkeiten hoffentlich weiterhin gross. ­•