Essen, was den Genen schmeckt

Eine ausgewogene Ernährung bildet die Basis, um den Körper ausreichend mit lebensnotwichtigen Nährstoffen zu versorgen. Doch die eine gesunde Ernährungsweise, die pauschal allen Menschen gleich guttut, gibt es nicht. Für eine massgeschneiderte Ernährung könnten künftig die Gene beeinflussen, was auf den Tisch kommt.
Athena Tsatsamba Welsch

«Eure Nahrungsmittel sollen eure Heil­mittel, und eure Heilmittel sollen eure Nahrungsmittel sein», lautet der wohl berühmteste Satz im Zusammenhang mit einer gesunden Ernährung. Dieses Zitat, das dem griechischen Arzt der Antike ­Hippokrates von Kos (um 460 – 370 v. Chr.) zugesprochen wird, ist aktueller denn je. Wer sich ausgewogen ernährt, täglich ­frisches Obst und Gemüse isst und ausreichend Wasser trinkt, nährt seinen Körper durch die Aufnahme von lebenswichtigen Nährstoffen. «Dem Körper das zu geben, was er braucht, ist die beste Gesundheitsversicherung», erklärt Tamara Meier, dipl. Ernährungsberaterin und dipl. Personal Trainer von fitamara, der Praxis für Ernährung und Prävention in Zürich. «Jeder Mensch ist nur so leistungsfähig wie sein Stoffwechsel, und dieser braucht unter ­anderem auch ausreichend Vitamine, um Höchstleistung zu bringen.» 

Die grosse Vielfalt

Vitamine, Mineralstoffe, Spurenelemente, essenzielle Fett- und Aminosäuren sind für einen gesunden Organismus elementar. Doch was tatsächlich auf dem Teller gelangt, sieht meist anders aus. Aus Zeitmangel oder Bequemlichkeit greifen viele auf Fertiggerichte zurück, die kaum noch ­Mikronährstoffe, dafür umso mehr ungesunde Fette und Einfachzucker enthalten. Eine einseitige Ernährungsweise kann zu einem Nährstoffmangel und einer Gewichts­­zunahme führen. Es gibt aber auch ­Menschen, die über Jahre Pizza, Pommes frites und Hamburger verzehren, ohne an Gewicht zuzulegen. Andere ernähren sich bewusst, achten auf die Herkunft von ­Lebensmitteln und vertragen Speisen trotzdem nicht oder können diese nicht ideal verwerten.

Individualität in der Ernährung

Warum vertragen einige Low Fat gut, dafür andere Low Carb umso besser? «Der Ernährungstyp bestimmt, was dem Körper guttut», erläutert Tamara Meier. «Genau wie es das eine Outfit nicht gibt, das jedem steht, gibt es auch nicht die eine Ernährung, die zu jedem passt.»

Da Menschen individuell sind, lässt sich laut Auffassung von Tamara Meier auch nicht pauschal beantworten, was eine gesunde Ernährung ist. «Gesunde Ernährung bedeutet für jeden etwas anderes», betont sie und fügt hinzu: «Die Genetik spielt eine sehr wichtige Rolle bei der Regulation des Körpergewichts und gibt Auskunft darüber, welche Ernährung wirklich zu einem passt.» Genau mit dieser beschäftigt sich die Nutrigenetik, eine noch junge Forschungs­disziplin. Wissenschaftliche Forschungen wie zum Beispiel die Zwillingsstudie von Robitaille und anderen Forschern aus dem Jahr 2003 haben belegt, dass die DNA Informationen enthält, wie jeder Körper unterschiedlich auf verschiedene Ernährungs- und Trainingsarten reagiert. «Die jüngsten Befunde haben bestätigt, dass Gewichts­zunahme und -abnahme nicht länger als simple Gleichung von ­Kalorienaufnahme und Kalorienverbrauch betrachtet werden können. Stattdessen spielen viele Faktoren eine Rolle bei der Gewichtsregulation, die individuelle genetische Ausstattung ist einer davon.» 

Gen-Test

Die Kunden von Tamara Meier führen die Speichelprobe mit einem gelieferten Test-Kit selbst zu Hause durch. Anschliessend senden sie die Probe zur Analyse an ein ISO-zertifizierten Labor. Besonders viel Wert legt die Ernährungsberaterin auf die umfassende Erklärung der Daten. «Eine Auswertung ohne Beratung bringt den Kunden keinen Mehrwert.» Interessierte sollten sich vorab informieren, welche Leistungen sie tatsächlich erhalten. Ein Gen-Test ist nur sinnvoll, wenn die jeweilige Person eine ausführliche Einführung erhält und die Unterstützung mit einem personalisierten Tool sichergestellt ist. Die Ernährungsberaterin bietet eine solche DNA-Analyse mit einer persönlichen Einführung an sowie auch online für alle, die zeitlich und örtlich ungebunden sein möchten. 

Ernährungsprofile

Für die Gesprächspartnerin ist die Ernährung eine der wichtigsten Faktoren, die den Stoffwechsel in seiner Funktion beeinflussen. Einerseits hängt die Umwandlung von Nahrung in Energie, zu einem grossen Teil von der richtigen Kombination von Eiweiss, Kohlenhydraten und Fett ab. Andererseits auch vom jeweiligen Ernährungsprofil. «Es gibt Menschen, die empfindlich auf Kohlenhydrate reagieren und entsprechend mehr Fett und/oder Eiweiss benötigen oder ­umgekehrt. Energiezufuhr ist mehr als eine simple Gleichung von Kalorien. Wer das verstanden hat, lernt seinen Körper ganz neu kennen.» Auch die für die Gewichtsreduktion optimale Intensität im Sport ist individuell. Die Typisierung von Ernährungsprofilen ist komplex. In ihrer Praxis führt die Beraterin auch Stoffwechselanalysen durch, eine Art Typisierung auf Basis des Stoffwechsels, damit der jeweilige Kunde seine Ernährung gezielt anpassen kann.

Blutzuckerspiegel und Kohlenhydrate

Der Blutzuckerspiegel nimmt bei der Ernährung eine bedeutende Rolle ein; er gibt die Konzentration von Glukose im Blut an und ist ein wichtiger Energielieferant. ­Dieser Anteil verändert sich im Verlauf des Tages und ist abhängig von der Nahrungsaufnahme. Die Hormone Insulin und ­Glukagon wirken im Körper als Gegen­spieler. Während unter anderem Glukagon den Blutzucker in die Höhe treibt, senkt Insulin den Blutzuckerspiegel. Der Blut­zuckerwert wird sowohl in mg/dl als auch in mmol/l angegeben. Der Referenzbereich beim Nüchternblutzucker liegt zwischen 60 – 110 mg/dl, was ungefähr 3,3 – 6,1 mmol/l entspricht. Ist der Blutzuckerwert niedriger als der Normwert, liegt eine Unterzuckerung (Hypoglykämie) vor, befindet er sich darüber, handelt es sich um einen erhöhten Blutzuckerspiegel (Hyperglykämie). Letzteres ist bei Diabetikern der Fall.

Kohlenhydrate wirken sich direkt auf den Blutzucker aus und gelten als ungesund. «Es gibt auch gute Kohlenhydrate, die nur einen geringen Anstieg des Blutzuckerspiegels auslösen.» So unterliegen Vollkornspaghetti den Blutzuckerschwankungen nicht so stark wie herkömmliche Teigwaren. «Die Kartoffel ist ein Natur-pur-Produkt. Sie enthält gute Nährwerte und sogar Vitamin C», betont Tamara Meier. Für sie ist die Kartoffel ein perfekter Energielieferant. Allerdings hat die Kartoffel einen hohen glykämischen Index von rund 78: Er lässt nach dem Verzehr den Blutzuckerspiegel besonders schnell ansteigen. Mit folgendem Tipp verliert die Kartoffel ihren hohen glykämischen Index: «Die gekochte und abgekühlte Kartoffel sollte vor dem Verzehr mehrere Stunden im Kühlschrank aufbewahrt und wieder erwärmt werden», diese und andere Tipps gibt sie ihren ­Kunden in der Beratung mit auf dem Weg. 

Ernährungs-Apps

Mittlerweile gibt es viele Ernährungs-Apps, die bei der Gewichtsabnahme helfen sollen. Wer gesund leben möchte, kann via Smartphone die verzehrten Lebensmittel samt Kalorien nachverfolgen. Die App ­MyFitnessPal greift zum Beispiel auf eine Datenbank von 5 Millionen Speisen zurück. Zudem verfügt sie über einen Barcode-Scanner, der 4 Millionen abgepackte Lebensmittel erkennt. Das Ernährungs­tagebuch berechnet die tägliche Kalorienzufuhr und die Verteilung von Kohlenhydraten, Cholesterin, Fett, Proteinen und ­Vitaminen. Ein weiterer Ernährungszähler mit integriertem Ernährungstagebuch, ­Tracken der Aktivitäten und des Körpergewichts bietet die App YAZIO. Welche der zahlreichen Apps sich für die eigenen Bedürfnisse eignet, hängt vom persönlichen Geschmack und Ziel ab. Bei der Nutzung von Apps gibt die Ernährungsberaterin zu bedenken: «Für die grobe Nahrungskontrolle sind Apps zwar hilfreich, allerdings sind diese nicht personalisiert und können für bestimmte DNA-Typen eine komplett falsche Empfehlung abgeben.» Eine App ersetzt laut Tamara Meier keine persön­liche Beratung und ist besonders für ­Menschen, die schon viel ausprobiert haben, oft der ­falsche Weg. Um ihr Angebot weiter auszubauen spricht sie aktuell mit ausgewählten Apotheken und Drogerien über eine mögliche Zusammenarbeit.

Anmerkung der Redaktion: Welchen Einfluss das Darmmikrobiom auf die Ernährung hat und wie die ­Ernährung im Ayurveda für die Unterstützung von ­Gesundungsprozessen eingesetzt wird, wird ­HealthPoint in späteren Artikeln beleuchten.