«Es braucht neue Kernkompetenzen»

Strukturwandel 3: Pharma
Die traditionelle Pharmaindustrie scheint im Moment speziell gefordert – Stichwort «Impfstoff». Nicht minder wichtig ist allerdings die Schaffung und Pflege von rezeptfreien Medikamenten für die kostenbremsende Selbstmedikation. 
Hans Wirz


„Unter anderem müssen das Gesundheitswesen und dessen
Prozesse rasch deutlich digitaler werden.“
Martin Bangerter, Geschäftsführer Schweizerischer Fachverband für Selbstmedikation

Alle reden von «neuer Normalität» im ­Gesundheitswesen. Wie wird diese nach Ihrer Einschätzung aussehen? Das haben wir auch Martin Bangerter gefragt, den ­Geschäftsführer des Schweizerischen Fachverbandes für Selbstmedikation ASSGP. Und ob es denn nach den Erfahrungen mit der aktuellen Pandemie strukturelle Änderung geben werde. «Grundsätzlich nicht», so der Gefragte. «Immerhin hat sich auch im Zusammenhang mit Corona vieles im Gesundheitswesen bewährt. Aber natürlich gibt es Erfahrungen, beispielsweise im ­Zusammenhang mit der Verfügbarkeit von Arzneimitteln, mit Schutzkonzepten und -ausrüstungen, bei der Digitalisierung und Standardisierung von Daten sowie bei ­deren Austausch und Auswertung, die zu Veränderungen führen müssen.»

Digitalisierung und Temposteigerung dringend

Analoges ist in der Schweiz immer noch Trumpf, während die Welt zunehmend schnell und flächendeckend elektronisch funktioniert. Martin Bangerter dazu: «Unter anderem müssen das Gesundheitswesen und dessen Prozesse rasch deutlich digitaler werden beziehungsweise bestehende Konzepte und Projekte zeitnah umgesetzt werden. Es ist dabei von grosser Bedeutung, dass mindestens für die zentralen Prozesse national verbindliche Datenstandards und Schnittstellen obligatorisch sind und es nicht mehr freiwillig ist, ob analog oder ­digital ge- und verarbeitet wird.» Damit das funktioniere, seien nicht nur Infrastruktur, Prozesse und Standards wichtig, sondern vor allem auch die Förderung und der Aufbau digitaler Kompetenzen bei Personen und Institutionen im Gesundheitswesen. Ein anderes Thema, so der Interviewte, ­verursache manchen Menschen ebenso Kopfweh, wenn sie an notwendige Veränderungen denken: Dass die Kommerzia­lisierung wichtiger werde als die Qualität.

Monethik

Es sei im Grundsatz nicht das Problem, dass das Gesundheitswesen eine kommerzielle Seite habe. «Seit dieses nicht mehr durch Klöster betrieben wird und Menschen ­damit nicht ‹Gotteslohn›, sondern ihren ­Lebensunterhalt verdienen, haben kommerzielle Anreize nicht einfach nur Kosten verursacht, sondern dazu beigetragen, dass die Leistungen, die Qualität und die Ver­fügbarkeit der Gesundheitsversorgung deutlich gestiegen sind», so der Interviewpartner. «Es muss aber klar sein, welcher Outcome zu welchem Preis abgegolten werden soll.» Diesbezüglich müsse der Fokus tatsächlich vermehrt auf Qualität und ­Sicherheit, Innovation und Effektivität, ethischen Aspekten, der Förderung der Eigenverantwortung, Prävention und einer gerechten Verteilung der Leistungen liegen.

Selbstmedikation hat noch grosses Potenzial …

Selbstmedikation ist eine sichere, gut verfügbare Möglichkeit, um sich eigenverantwortlich um die eigene Gesundheit zu kümmern. Die Relevanz im Gesundheitssystem ist unbestritten. Auch deshalb wurde die Verfügbarkeit von Apotheken und Drogerien während des Lockdowns nicht eingeschränkt, sondern temporär erweitert. «In der Schweiz werden Arzneimittel grösstenteils von gut ausgebildeten Fach- und ­Medizinalpersonen abgegeben», meint dazu Martin Bangerter. Dadurch sei es möglich, dass für ein beachtliches Spek­trum von Indikationen eine grosse Auswahl potenter OTC-Arzneimittel mit unterschiedlichem therapeutischem Hintergrund verfügbar seien, ohne unnötige Risiken bei der Behandlungssicherheit und -qualität in Kauf nehmen zu müssen. «Alle Erkrankungen, die im Rahmen der Selbstmedikation ­behandelt werden, verhindern Kosten und schonen personelle Ressourcen im Gesundheitswesen. Es braucht Rahmenbedingungen, die gezielte Ergänzungen mit neuen Wirkstoffen, Produkten oder Indikationen zulassen, um dieses Potenzial noch besser zu nutzen.» 

… muss aber sichtbarer werden

Apotheken und Drogerien müssen mit ihrem Know-how und ihren Dienstleistungen im digitalen Umfeld sicht- und verfügbarer werden, wenn sie ihre Positionierung behaupten wollen. «Ebenfalls sollten OTC-Arzneimittel auch online bestellt und nach Hause geliefert werden können. Sofern dies ausschliesslich Apotheken und Drogerien vorbehalten sei und weil bezüglich Sicherheit und Beratung dieselben Ansprüche ­erfüllt werden müssen wie bei der persönlichen Abgabe im Laden, würde eine Ge­setzesänderung die erwähnten Vorteile der Selbstmedikation auch online sicher und kompetent ermöglichen.» •