Die Welt stand Kopf in den Praxen

Arbeitssituation   Der Lockdown vom Frühling hat bei einem Teil der Gesundheitsberufe zu einem angespannten Stellenmarkt geführt. Allerdings nur vorübergehend, Erholung ist in Sicht. Ein Blick auf die Physiotherapie.
Mireille Guggenbühler

Anja Weidmann ist Physiotherapeutin und Unternehmerin. Sie hat eine eigene Physiotherapiepraxis in ­Zürich und sieben Angestellte. Auch ihr ­Vater war einst Unternehmer und sie hat seine Unternehmensweisheit noch heute im Ohr: «Als Unternehmen musst du drei Monate ohne Einkommen überbrücken können.» 

15 Prozent Arbeit für sieben Personen

Während des Lockdowns ist ihr diese Weisheit zugutegekommen. Anja Weidmann ist es ergangen wie vielen anderen therapeutisch tätigen Unternehmerinnen und Unternehmern: Die Leistungen der Praxis wurden auf dringend notwendige Massnahmen reduziert. «Ich hatte in dieser Zeit noch 15 Prozent Arbeit für sieben Angestellte.» Sie meldete für ihre Praxis deshalb Kurzarbeit an.

Die bundesrätlichen Mass­­nahmen im Frühling hätten die Physio­therapie hart getroffen, hält der ­Verband Physioswiss auf Anfrage fest. Bei einer durch den Verband durchgeführten Befragung haben über 60 Prozent der ­Physiotherapeuten für einen bis drei Angestellte Kurzarbeit beantragt, 10 Prozent der Praxen taten dies für zehn oder mehr angestellte Physiotherapeuten. Die Physiotherapie-Konsultationen gingen massiv zurück und hatten einen Leistungsausfall von schweizweit 84  Prozent zur Folge. Einerseits, weil die Spitäler auf nicht dringende Eingriffe verzichten mussten. Dies wirkte sich vor allem auf die Tätigkeit ambulant ­tätiger Praxen aus – auch im ­Spital. Andererseits weil die Ärzte weniger konsultiert wurden und Physiotherapie sehr restriktiv verschrieben wurde.

Die Welt stand Kopf, auch in der Praxis

Während sich Anja Weidmann bemühte, Kurzarbeit zu beantragen, mussten drei ihrer Mitarbeitenden aufgrund von Verdacht auf Corona in Quarantäne, zwei kündigten in derselben Zeit, eine Mitarbeiterin teilte mit, dass sie schwanger sei und eine möchte eine Weiterbildung beginnen: Corona hat nicht nur die Welt draussen auf den Kopf ­gestellt.

Die Suche nach neuen Mitarbeitenden fiel dann erstaunlich leicht: «Ich hatte so viele gute Bewerbungen wie noch nie», so Anja Weidmann. Darunter waren laut Weidmann auch Bewerbungen von Personen, die ­«coronabedingt ihre Arbeit verloren haben.» 

Erholung in Sicht

Hat sich der Stellenmarkt demnach im Vergleich zur Zeit vor Corona verändert? Über genaue Zahlen verfügt Physioswiss nicht. Aber: «Wenn wir unseren Online-Stellenanzeiger als Indikator nehmen, können wir klar feststellen, dass weniger offene Stellen inseriert werden im Vergleich zu Vorcorona-Zeit», so ­Cassandra Buri, Leiterin Kom­munikation bei Physio­swiss. Gewisse Physiotherapiepraxen spürten das Ausbleiben von Patienten immer noch. «Dies ist aber regional sehr unterschiedlich. Die Mehrheit von Physio­therapiepraxen arbeitet bereits wieder mit vollen Kapazitäten.» Eine Erholung auf dem Stellenmarkt sei spürbar. 

Vielseitiger Beruf

Bei Physioswiss hofft man, dass die vergangenen Wochen dabei helfen könnten, das Berufsbild zu stärken. Vielen sei beispielsweise nicht bewusst, dass Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten auch einen wichtigen Bei­trag zur Grundversorgung von Patienten auf der Intensivstation leisteten, sagt Cassandra Buri. Bei Patientinnen oder Patienten, die mechanisch beatmet werden müssten, unter­stützten die Therapeuten das Bauchlagerungsteam oder übernähmen die Frührehabilitation, um dadurch die Beatmungszeit zu verkürzen und Sekundärschäden vorzubeugen.

So gesehen könnte die Krise durchaus auch Chancen beinhalten. Oder wie es Anja Weidmann formuliert: «Das Gesundheitswesen verhält sich in der Regel antizyklisch zur Wirtschaft. Wenn es der Wirtschaft schlecht geht, schlägt sich das auf die ­Gesundheit nieder.» Die Arbeit wird den Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten deshalb wohl vorläufig nicht ausgehen.