Die Kunst der kleinen Schritte

Seit Monaten wird über Wissenschaftlichkeit so intensiv diskutiert, wie schon lange nicht mehr. Im Streit der Meinungen geht leicht vergessen, was die Wissenschaft ist: eine Methode. Nicht mehr, nicht weniger. Das ist gut so. 
Jürg Lendenmann

Es gibt nicht die Wissenschaft. Die Anforderungen an die einzelnen Zweige könnten unterschiedlicher nicht sein. So kann einem Mathematiker Papier und Bleistift genügen, um ein Problem zu lösen, selbst im Gefängnis. Ein Forscher der Immunologie ist auf ein ganzes Team an Spezialisten angewiesen, auf neuste Apparaturen und entsprechend hohe Geldmittel. Mag der Forscher in seiner Zelle alle Zeit der Welt haben, um seinen Beweis auszuarbeiten, so werden in Zeiten einer Pandemie von den Immunologen schnelle Resultate erwartet. Denn sie können nicht nur helfen, Leben zu retten, sondern auch das Gesundheitssystem und mithin die ganze Wirtschaft vor düsteren Szenarien zu bewahren.

Was ist wissenschaftlich?

Ob Mathematik oder Immunologie: Alle wissenschaftlichen Disziplinen, so Dr. ­Niklas Lenhard-Schramm von der Universität Münster, beruhen auf einer gemein­samen Grundlage: «Der Begriff ‹wissenschaftlich› scheint immer eine bestimmte Vorgehensweise zu bezeichnen, mit der ein bestimmtes Ziel erreicht werden soll.»

So soll sich eine wissenschaftliche Arbeit auf eine intersubjektiv nachvollziehbare Vorgehensweise stützen. Das heisse zum einen: Die Resultate sollen offengelegt werden und von anderen Forschenden überprüft werden können. Zum anderen «ist das Element des Fortschritts ein wesentliches Merkmal von ‹Wissenschaftlichkeit›». Diese ist kein Ist-Zustand, sondern ständigem Wandel unterworfen. Lenhard-Schramm: «Das Ziel einer jeden wissenschaftlichen Arbeit besteht in der verbesserten Erklärung bestimmter Zusammenhänge.»

Das Bessere ist der Feind des Guten

Der in New York lebende Schriftsteller ­Daniel Kehlmann erklärt es im Interview mit Patrick Bauer in der SonntagsZeitung so: «Wenn man sich auch nur ein wenig mit Wissenschaftstheorie beschäftigt hat, lernt man, dass Wissenschaft eine Methode ist und keine Institution. Wissenschaft beruht vor allem auf Falsifikation, also darauf, dass Dinge sich als Irrtum herausstellen. Dass Wissenschaftler sich dauernd untereinander uneinig sind, ist genau die Stärke ihrer Methode. Das macht es aber so schwierig, wenn auf einmal Politiker sagen, ihre Entscheidungen seien alternativlos, weil sie auf Wissenschaft basierten. Denn diese Politiker haben sich zuvor selbst ausgesucht, auf welche Wissenschaftler sie hören möchten.»

Vertrauen ist gut, überprüfen besser

Die Medizin-Ethiker Alex John London und Jonathan Kimmelman warnen davor, dass aufgrund der Ausnahmesituation von Covid-19 Studien auf den Preprint-Server landeten, die nicht den üblichen Qualitätsstandards genügen. Kimmelman in einem Interview von «Die Zeit»: «Gute Wissenschaft braucht tatsächlich sehr viel Zeit. Und sie braucht die Fähigkeit, sich selbst immer wieder kritisch infrage zu stellen.» Zudem weist er auf ein anderes Problem hin: Die Flut der Covid-19-Artikel. Am 27. Juli betrug laut natureindex.com deren Zahl ­bereits 67 753, die der unveröffentlichten Studien (Preprints) 19 796. Wer wird alle diese «wissenschaftlichen» Meinungen vergleichen und die «richtigen» Schlüsse daraus ziehen können? Der Verwaltungsapparat, die Politikerinnen und Politiker?

Geforderte Politik

Die Politik steht im Spannungsfeld einerseits der Forderungen verschiedener Wissenschaftler, die Pandemie mit jenen Massnahmen zu bekämpfen, die nach aktuellem Stand am erfolgversprechendsten sind. ­Andererseits fordert die Wirtschaft möglichst wenig einschneidende Regelungen. Erschwerend kommt dazu, dass in der Vergangenheit nicht alle vom Bundesrat erlassenen Kontrollen von den Kantonen umgesetzt wurden. Es braucht deshalb mehr denn je die Offenheit, neue Erkenntnisse in die Planung einfliessen zu lassen und sie umzusetzen. Dieses Finden von sich dauernd verändernden optimalen Lösungen fordert von allen Beteiligten den Mut, Fehler einzugestehen, Unterlassenes nachzuholen und die Bereitschaft, die Zukunft gemeinsam zu gestalten. In der Hoffnung, die Bevölkerung mache mit … •