Der entmachtete Meister

Gehirn-Update   In den meisten Köpfen spukt noch die Vorstellung, jede unserer Hirnhälften sei für spezielle Aktivitäten verantwortlich. Doch ist längst bewiesen: Es sind immer beide Hemisphären an Sprache, Musik … beteiligt. Aber auf ganz unterschiedliche Weise. Und längst nicht mehr in einem harmonischen Wechselspiel.
Jürg Lendenmann


Dank der Fähigkeit der rechten Gehirnhälfte, Ganzes zu erfassen, erschliesst sich uns sowohl die Bedeutung des Bildes wie auch der Sinn des Zitates von Albert Einstein auf der rechten Seite.

Die alte Karte des Grosshirns ist seit Jahrzehnten überholt. Der Grund sei, so der Psychiater Iain McGilchrist, dass früher die falsche Frage (Was tun die Hemisphären?) gestellt worden war, da die Funktionsweise des Gehirns mit einer ­Maschine verglichen wurde. Heute ist belegt: Beide Hirnhälften sind immer an allen Aktivitäten wie Sprache, Vernunft, Emotionen und bildhaftes Denken gleichermassen beteiligt, … aber in verschiedenen Weisen.

Warum ein zweigeteiltes Hirn?

Doch wenn das ganze Grosshirn bei allen ­Tätigkeiten involviert ist: Warum ist es überhaupt zweigeteilt? «Das entspricht einer massiven Vergeudung an ‹Rechenleistung›», so der Psychiater, und weist noch auf weitere Facts hin:

• Im Verlauf der Evolution wuchs die quere Faser­verbindung – der Balken (Corpus callosum) – langsamer als die beiden Hirnhälften. Die Trennung zwischen den Hemisphären wurde so laufend grösser. 

• Die meisten Signale im Corpus callosum haben einen hemmenden und somit trennenden Effekt.

• Obwohl der Schädel symmetrisch ist, sind es die beiden Hirnhälften nicht. Die linke Hemisphäre, beispielsweise, ist hinten in der Region des Spachzentrums vergrössert, die rechte vorne. Asymmetrien finden sich sowohl bei frühesten Menschen wie auch bei Schimpansen und anderen Menschen­affen.

Das Problem der Aufmerksamkeit

Wie der Mensch haben auch andere Säugetiere sowie Vögel getrennte Grosshirnrinden. Warum? «Das Einfachste, dies zu verstehen», erklärt McGilchrist, «ist, sich einen Vogel vorzustellen, der Samen aus einem Kiesbeet aufpickt. Er muss sich auf seine Nahrung fokussieren, aber gleichzeitig nach Feinden in seiner Umgebung Ausschau halten.» 

Das «Problem der Aufmerksamkeit» sei für Vögel und Säugetiere eine Angelegenheit von Leben und Tod. «Mit dem rechten Auge (linke Hemisphäre) fokussieren die Vögel auf die Nahrung, während sie gleichzeitig mit dem linken (rechte Hemisphäre) nach Räubern ausspähen», so McGilchrist. Es sei leicht, Aufmerksamkeit als eine ­weitere «kognitive Funktion» zu sehen. «Aber sie ist ein Aspekt des Bewusstseins. Während die Bedeutung der rechten Hemisphäre darin besteht, Dinge zu einer ­Gewissheit einzugrenzen, öffnet sie die rechte zu Möglichkeiten.»

Einen Schritt zurücktreten

Dank ihrer grossen Stirnhirnlappen ver­mögen Menschen von der Welt «zurückzutreten» – Distanz zu ihr zu schaffen. «So können wir auf die Welt ­einwirken und sie zu unserem Nutzen gebrauchen», erklärt McGilchrist. Damit wuchs auch das Bedürfnis für eine stärkere Spezialisierung der Hemisphären. 

«Mit der rechten Hand (linke Hemisphäre), wie dies die meisten von uns tun, können wir nicht nur Nahrung ergreifen, sondern auch Werkzeuge machen. Nach meiner Ansicht haben Sprache und Hand etwas gemeinsam: Auch mit der Sprache können wir etwas begreifen und uns nutzbar machen.»

Die rechte Hemisphäre hingegen sieht die Dinge im Kontext – sieht das Ganze, ist in grösserer Verbindung mit dem Körper, versteht die Körpersprache, die Bedeutung der Welt, Metaphern, Ironie, Humor. Sie spielt eine entscheidende Rolle bei der Imagi­nation, der Kreativität, der Fähigkeit der ­religiösen Ehrfurcht, der Musik, des Tanzes, der Dichtung, der Kunst, der Liebe zur ­Natur, der Moral … und der Fähigkeit, unsere ­Meinung zu ändern.

Zwei Wege, die Welt zu verstehen

McGilchrist: «Die Menschen verfügen über zwei Wege, die Welt zu verstehen. Diese ­beiden komplementären, aber letztlich ­inkompatiblen Wahrnehmungsweisen voneinander getrennt zu halten, ist von grösster Bedeutung.» Dazu trügen auch die erwähnten überwiegend hemmenden Prozesse im Corpus callosum bei.

«Jede Hemisphäre braucht die andere, aber die linke ist von der rechten abhängiger als die rechte von der linken.» Diese jedoch sei vom Gegenteil überzeugt und denke, sie könne alles alleine tun. Doch sie sei der Abgesandte, die rechte der Meister: «Die rechte Hemisphäre ist länger, breiter und im Allgemeinen grösser und schwerer als die linke. Dieser Unterschied findet sich bei allen sozial lebenden Säugetieren. Neue Erfahrungen jeglicher Art – gleich ob Musik, Worte, imaginäre Gedankengebäude, Objekte in der Umgebung oder gar Fertigkeiten – machen wir zuerst mit der rechten Hemisphäre. Erst wenn sie uns vertraut sind, beschäftigt sich die linke damit.»

Der Verlust des Sowohl-als-auch

Beide Arten, die Welt zu begreifen, seien sehr wichtig – aber nicht gleichermassen gültig. Die linke Hemisphäre liefert, so McGilchrist, einen wertvollen, aber dazwischenliegenden Prozess, ‹auszupacken›, was die rechte Hemisphäre erfasste, um ihr dann das Resultat wieder zurück­zugeben, wo es zu einem grösseren Ganzen inte­griert werden kann. Anders: Der Abgesandte (Emissary) berichtet seine Schlussfolgerungen dem Herrn (Master), der allein über den grösseren Überblick verfügt.

McGilchrist: «Während die beiden Hemisphären bis zur Blüte Athens im 6. Jh. v. Chr. harmonisch zusammenarbeiteten, begann ­später ein Kampf zwischen ihnen, der damit endete, dass wir heute die Gefangenen nur einer Hemisphäre sind: der linken.» Die Folgen wiegen schwer: «Weil die linke Hemisphäre besser ist als die rechte, sowohl Zahlen wie Worte zu manipulieren, aber schlechter dabei, ihre Bedeutung zu verstehen, wird ­Information für sie bedeutender als Wissen, und Wissen als Weisheit, die implizit ist und paradox und nur durch Erfahrung entdeckt werden kann.» ­Anders ausgedrückt: Das ­Entweder-oder – das Schwarz-Weiss-Sehen – trat an Stelle des Sowohl-als-auch.

Ein hoher Preis

Die Industrialisierung habe einen hohen Preis gekostet. Als Beispiele nennt der Psychiater das Auseinanderbrechen von stabilen Gemeinschaften, den Verlust von praktischen Fähigkeiten sowie von Dingen, die dem Leben Bedeutung verleihen und zum Glücklichsein und zur Erfüllung beitragen. «Eines der gravierendsten Probleme der Medizin ist, dass Ärzte zu oft keinen humanistischen Background haben und sich in der Folge als hochwertige Techniker sehen. Ich will aber einen Arzt mit Menschlichkeit und ein Teil von ihr kommt davon, das sie oder er eine reiche innere Welt hat. Zu viele Mediziner und Neurowissenschaftler übernehmen unreflektiert das Modell des Körpers als Maschine, weil sie keinen Hintergrund in Geisteswissenschaften und Philosophie haben, die sie auf die Probleme einer solchen Sichtweise aufmerksam machen würden, und es scheint für sie daher offen­sichtlich, dass ihre Sichtweise gültig sein muss.»

Umdenken

Wir müssen zurücktreten, um das grössere Bild zu sehen. Und wir müssen ein natürlicheres, langsameres und meditativeres Tempo finden, denn so sehen wir mehr, ist McGilchrist überzeugt. «Die Künste, so denke ich, spielen eine grosse Rolle, uns mit dem Transzendenten zu verbinden.» Wichtig: Das Umdenken muss bereits in der Schule stattfinden. «Völlig ­getrennt vom Vermitteln von Informationen – Wissen ist in jedem Falle wichtig – sollten Schulen Orte sein, wo Kindern gelehrt wird, ihre Imagination zu gebrauchen, schwierige Fragen zu ­stellen, flexibel zu denken, sich wirksam zu konzentrieren, aufmerksam zu bleiben und Selbstdisziplin zu lernen.»

Wie die Hirnhälften die Welt begreifen:

Linke
Hemisphäre
Rechte
Hemisphäre
Aufmerksamkeit fokussiertVerbunden mit allem
BekanntesNeues
GewissheitenMöglichkeiten
TeileGanzes
AbstraktionKontext
ExplizitesImplizites
MechanischesLebendes
AllgemeinesIndividuelles
OptimistischRealistisch
VernunftUrsachen
Statisches, FixiertesFlow, Veränderliches
ZerteilenIntegration
QuantitätQualität

Weiterführende Links:

Ein ebenso informatives wie unterhaltendes Video illustriert McGilchrists Kerngedanken:
https://www.youtube.com/watch?v=dFs9WO2B8uI

Die Essenz seiner Forschungen beschreibt der Psychiater in «Can the divided brain tell us anything about the ultimate nature of reality?»
https://www.rcpsych.ac.uk/docs/default-source/members/sigs/spirituality-spsig/iain-mcgilchrist-can-the-divided-brain-tell-us-anything-about-the-ultimate-nature-of-reality.pdf?sfvrsn=a1e381e1_2

Und schliesslich noch das gehaltvolle Zwiegespräch von McGilchrist mit Jonathan Rowson: «Divided Brain, Divided World».
https://www.thersa.org/globalassets/pdfs/blogs/rsa-divided-brain-divided-world.pdf

Eine aussergewöhnliche Besprechung von McGilchrists monumentalem Werk «The Master and his Emissary» stammt aus der Feder von Dr. med. Heini Frick.
http://www.heinifrick.ch/gilchrist.html