Buchtipp: „Weltmedizin“ von Dietrich Grönemeyer

Die Schulmedizin entwickelt sich in einem atemberaubenden Tempo, Altes wird ad acta gelegt, andere Heilsysteme werden zumindest toleriert. Es fehlt jedoch ein Öffnen und eine Synthese – eine Weltmedizin. Den Weg dazu zeigt ein aussergewöhnlicher Schulmediziner.
Jürg Lendenmann

Im Laufe der Menschheitsgeschichte hat sich ein immenser ärztlicher Erfahrungs­s­chatz angehäuft. «Doch wir nützen ihn zu wenig, und zwar um so weniger, je weiter die medizinische Forschung vo­ranschreitet», schreibt Prof. Dr. med. Dietrich Grönemeyer in seinem bemerkenswerten Buch «Weltmedizin. Auf dem Weg zur ganzheitlichen Heilkunst».

Der bekannte Mediziner und Buchautor war bis 2012 Inhaber des Lehrstuhls für Radiologie und Mikrotherapie an der Universität Witten/Herdecke. Doch Grönemeyer ist kein typischer Wissenschaftler und Forscher im Bereich der Schulmedizin. Zuerst studierte er Sinologie und kam auch mit den Lehren der chinesischen Medizin in Berührung. Als er dann in seiner Familiengeschichte Carl Abraham Hunnius entdeckte, der ein ­Naturheilverfahren entwickelt hatte, ­festigte dies sein «ausgeprägtes Interesse an den Methoden der alternativen Medizin».

Von anderen lernen

Grönemeyer besuchte während Jahrzehnten immer wieder Heilende auf der ganzen Welt, die ausserhalb der Schulmedizin stehen, um von ihnen zu lernen. Denn: «Es geht inzwischen mehr denn je darum, das Alte mit dem Neuen zu verbinden. Das Wissen von gestern kann das Know-how von morgen sein. Aus den unterschiedlichsten Teilgebieten der Naturheilkunde und der alternativen Verfahren ergeben sich wesentliche Elemente für eine zukünftige ganzheitliche Medizin.» Die Chancen stehen gut: «Da die Schulmedizin kein in sich geschlossenes System darstellt, sich vielmehr in ständigem Wandel befindet, bestehen die denkbar besten Voraussetzungen für die Synthese einer integrativen kulturübergreifenden Weltmedizin.»

In seinem Buch führt uns Grönemeyer auch in die grossen Heilsysteme Indiens (Ayurveda), Chinas (TCM) und Tibets (TTM) ein, wobei er nicht nur deren besonderen Eigenschaften beschreibt, sondern die drei Heilkunden fachkundig mit­einander vergleicht. Seine Reisen führen den Arzt auch zu «urtümlicheren» Heilkundigen: zu Heilern in Hawaii, indianischen Medizinmännern, Schamanen in Mexiko … Und stets ist er ein Lernender.

Von den Alten lernen

«Dass wir als Schulmediziner viel, viel mehr noch als bisher von den Medizinmännern der Vorzeit lernen können, steht für mich ausser Frage. Wenn wir den vermeintlichen magischen Zauber der Schamanen als blossen Mummenschanz belächeln, verschenken wir einen Erfahrungsschatz, der es wenigstens ­partiell verdiente, im Interesse unserer Patienten gehoben zu werden.»

Immer wieder betont Grönemeyer, wie wichtig es ist, den Geist ins Heilen einzubeziehen, denn den Heilerinnen und Heilern von früher sei der Zusammenhang von seelischen und körperlichen Widerstandskräften sehr bewusst gewesen. «Sobald das Vorurteil den Verstand ausschaltet, kann der Arzt weniger ausrichten, als man von ihm erwarten darf, mitunter sogar weniger als die Heiler ehedem … Wie bedrückend für mich, wenn somatisch orientierte Ärzte heute noch von den psychischen Komponenten einer Erkrankung die Augen verschliessen und umgekehrt psychisch orientierte Therapeuten psychische Symptome überbewerten.»

Die Zukunft der modernen Medizin

Die Schulmedizin habe in den letzten 150 Jahren eine beeindruckende Erfolgsbilanz vorzuweisen. Es komme nun darauf an, die richtige Richtung einzuschlagen: «Es ist heute wichtiger denn je, vorurteils­los alles zusammenzunehmen, was heilt. Was wir brauchen, ist ein besseres, sich ergänzendes Miteinander von wissenschaftlich hoch entwickelter Schulme­dizin und komplementären Behandlungs­­­me­thoden. Aus den verschiedenen Teilgebieten der Naturheilkunde und der ­tra­ditionellen wie alternativen Heil­verfahren können wir wesentliche, auch kosten­sparende Elemente für die zukünftige ganzheitliche Medizin übernehmen.»

Den Schluss des leicht lesbaren und kurzweiligen Werkes bildet ein ausführlicher medizinischer Pfadfinder der traditionellen und alternativen Heilweisen der Welt.

Quelle: Dietrich Grönemeyer: Weltmedizin. S. Fischer. 2018.
Als Hardcover, Taschenbuch und e-Book erhältlich.