Antibiotikaresistenzen

Krankheitserreger wissen sich immer schneller vor neuen Antibiotika zu schützen, auch weil diese zu häufig ohne trif­tigen Grund eingesetzt werden. Dabei könnte mit Komplementärmedizin in vielen Fällen auf Antibiotika verzichtet werden.
Jürg Lendenmann

«Pflanzen haben dank der Evolution ‹antibiotische› Strategien entwickelt.»

«Die Antibiotikaresistenzen sind ein weltweites Problem», sagte Prof. Dr. med. Erik W. Baars, University of Applied Sciences Leiden und Louis Bolk Institut, NL. «Ohne neue Strategien werden bis 2050 jährlich mehr als zehn Millionen Menschen an ­Infektionen durch arzneimittelresistente Erreger sterben.» Leider, so Baars, sei die Komplementärmedizin noch nicht Teil der aktuellen globalen, regionalen und ­nationalen Strategien. Wichtig seien daher die systematische Auswertung von Studien der komplementären und ­alternativen ­Medizin (CAM), die Erhebung des Expertenwissens und das Monitoring der entsprechenden Präventions- und Behandlungsstrategien.

Problemdruck fordert Lösungen

Angesichts der dringenden Notwendigkeit, den unangemessenen Einsatz von Anti­biotika zu reduzieren, seien weitere Massnahmen zu ergreifen. Beispielsweise sollten komplementärmedizinische Behandlungen für unkomplizierte akute Atemwegsinfektionen mit ausreichendem Sicherheitsbeweis weiterhin von Ärzten vorgeschlagen und von Patienten angewendet werden. Dies auch, wenn nur begrenzte Beweise für einen gewissen Nutzen vor­liegen. Baars: «Um Entscheidungshilfen, ­Patienten­ent­scheidungshilfen und Informations­broschüren entwickeln zu können, werden zurzeit komplementärme­­di­zi­nische Experten in der Schweiz und vier weiteren euro­päischen zu bewährten ­Verfahren ­sowie zur Überwachung der Verordnungsraten von komplementär­medizinischen Behandlungen befragt.»

Arzneipflanzen mit grossem Potenzial

«Bei der am 18. November verabschiedeten Strategie Antibiotikaresistenzen Schweiz (StAR) werden alternative Behandlungsstrategien nicht diskutiert», so Apothekerin Dr. sc. nat. Beatrix Falch. Bei der Behandlung von bakteriellen Erkrankungen spreche vieles für den Einsatz von Arzneipflanzen: «Pflanzen haben dank der Evolution ‹antibiotische› Strategien entwickelt. Ihre Vielstoffgemische zeigen pleiotrope und synergistische Effekte, das heisst sie greifen sowohl verschiedene makromolekulare Targets an wie auch gleichzeitig mehrere Stellen eines einzelnen Targets.
In der Folge können sich Resistenzen gegen solche Multitarget-Wirkstoffe schwerer entwickeln. Darüber hinaus bieten pflanzliche Wirkstoffe noch viele weitere gesundheitsfördernde Effekte.»

Wichtig sei, so Falch, pflanzliche Arznei­mittel bei bakteriellen Infekten frühzeitig einzusetzen und rechtzeitig mit einer entsprechenden Therapie zu beginnen, um das unspezifische Immunsystem zu stärken und beginnende Infektionen zu stoppen.

Nach einer ausführlichen Übersicht von bewährten Pflanzen zur Stärkung und ­Vorbeugung sowie zur Behandlung von Mandel-/Rachenentzündung und Husten zog die Phytospezialistin Fazit:

«Pflanzliche Arzneimittel bei bakteriellen Infekten müssen frühzeitig eingesetzt werden, können mit Antibiotika synergistisch wirken und sind dann:

• wirksam und verträglich,

• eine Alternative zu chemisch-synthetischen Präparaten,

• die Methode der Wahl und

• Teil eines Stufenkonzeptes.»

Dies, weil es auch andere komplementäre und alternative Therapien gebe wie die orthomolekulare Medizin, Bakterienpräparate, gezielte Ernährung, Bewegung und Entspannung. Und die Reihenfolge? Falch: «Zuerst die Ernährung, dann die Pflanze, am Schluss die Chemie.»

Zeit für einen Paradigmenwechsel

Wie stark die Dogmen bei Streptokokken-Angina seit den 1950er-Jahren in der ­Ärzteschaft verwurzelt sind, erläuterte Prof. Dr. med. Philip Tarr, Co-Chefarzt Medizinische Universitätsklinik, Kantonsspital Baselland. Es würden häufig Antibiotika verschieben, «obwohl rheumatisches Fieber seit 50 Jahren extrem selten ist und die europäischen Empfehlungen eine klare Sprache sprechen». 

Wegen fehlender Datenlage werden ­jedoch die seit über 50 Jahren praktizierte Antibiotikatherapie der Streptokokken-Angina neu infrage gestellt. Denn es habe sich gezeigt: Die sofortige und die verzögerte Antibiotikatherapie war in grossen Studien gleich wirksam. Wichtig vor einer Behandlung sei die sorgfältige Triage. Dies gelte auch bei der Behandlung von Blasenentzündungen. • 

Quelle: «Reduzierter Antibiotikaeinsatz dank Komplementärmedizin.» Dakomed-Publikumsveranstaltung, 13. November 2019 in Zürich.